Hohe Tauern

Unterwegs im Salzachtal

Ende August verbrachte ich – zusammen mit einem befreundeten Motorradfahrer – meinen ersten Urlaub auf „zwei Rädern“. Geplant waren sieben Tage im österreichischen Salzachtal, welches am nördlichen Rand der Hohen Tauern liegt. Leider war das Wetter am Tag der Abreise alles andere als freundlich. Dunkle Regenwolken am Himmel verhießen nichts Gutes, was allerdings unserer Vorfreude auf die kommenden Tage nicht im mindesten trübte.

Nach etwa vier Stunden Fahrzeit war – bei mittlerweile strömendem Regen – das gebuchte Urlaubsdomizil, ein sehr gemütlicher Bauernhof mit weitumbekannter Jausenstation, erreicht. Das Anwesen liegt etwas unterhalb des Naglköpfl’s in 1090m Seehöhe, von dessen Terasse aus man nicht nur einen atemberaubenden Blick über den östlich gelegenen Teil des Salzachtales hat, sondern auch – quasi vís a vís zum Hof – „Blickkontakt“ zu einigen „Dreitausendern“ der Hohen Tauern.

Nach einer herzlichen Begrüßung der Hofleute bestaunten wir andächtig bei einem Bier im Wintergarten der Jausenstation das wunderschöne Bergpanorama. Zum Glück versicherte uns noch am Abend der „Naglbauer“ auf Nachfrage, dass für die nächsten Tage allerbestes Spätsommerwetter versprochen worden wäre.

Am nächsten Morgen bot sich ein paradiesischer Sonnenaufgang. Das Tal lag unter einer dicken Nebelschicht und hinter den Bergkämmen im Osten ging langsam die Sonne auf. Im Radio wurde von Schneekettenpflicht auf der Großglocknerstraße berichtet und so entschieden wir uns mit dem Auto als erstes die Kapruner Hochgebirgsstauseen zu besuchen. Sie liegen auf einer Höhe zwischen 1068m und 2040m. Den insgesamt 84,9 Mio. m³ bzw. 81,2 Mio. m³ Wasser-Nutzinhalt der beiden Stauseen Mooserboden und Wasserfallboden stehen etwa 237 Mio. kWh bzw. 159,9 Mio kWh Energieinhalt gegenüber. Gebaut wurden sie zwischen den Jahren 1938 und 1955. Die Energieerzeugung findet im Krafthaus Limberg und im Kraftwerk Karprun-Hauptstufe statt. Die Stauseen erreicht man in einer gut zweistündigen Wanderung durch kühlen Bergwald entweder zu Fuß oder – bequem – mit Bus ab Kesselfall-Alpenhaus. Zwar kostet das Ticket für Erwachsene satte 17 Euro, allerdings sind im Preis sowohl die einzelnen Busfahrten talauf- und talabwärts als auch die Fahrt mit Europas größtem, offenen Schrägaufzug, enthalten

Nach dem Mittagessen kehrten wir zu unserem Urlaubsdomizil zurück, um eine erste Erkundungsfahrt mit den Motorrädern zu unternehmen. Nach kurzem Studium der Straßenkarte waren wir uns einig auf der B168 zuerst nach Uttendorf und von dort aus in ein kleines Seitental – dem Stubachtal – zu fahren. Die Karte ließ ein reizvoll geschwungenes Sträßchen vermuten, das nach knapp 20 km und in 1468m Seehöhe im sogenannten Enzingerboden endet.

Schon die 3km lange Fahrt vom Hof ins Tal hinab, war ein Genuss… der schmale Güterweg mit vier Kehren führte an reich mit Blumen geschmückten Häusern vorbei nach Walchen hinunter – einem Ortsteil von Piesendorf. Eher ernüchternd wirkten auf uns die nächsten Kilometern bis nach Uttendorf über die hiesige Bundesstraße – viel Verkehr und teils ruppiges Verhalten der Autofahrer erweckten bei der Fahrt auf der unumgänglichen Strecke nicht gerade Begeisterungsstürme in mir. Überhaupt war das Befahren der Hauptverkehrsstraßen in den folgenden Tagen nicht gerade ein Zuckerschlecken, doch nachdem im Hochgebirge Bundesstraßen die einzige Verbindung von Haupttal zu Haupttal und in die Seitentäler sind, waren sie unvermeidlich.

In Uttendorf angekommen, folgten wir gespannt der Stubachtalstraße am Flüsschen „Stubache“ entlang. Von der Weide heimkehrende Kühe kreuzten unseren Weg und ich war recht erstaunt wie diszipliniert die Vierbeiner sich gen heimatlichen Stall bewegten.

Ein paar Kilometer später fing die schmale, jedoch recht gut befahrbare Straße, an sich vorsichtig den Berg hinauf zu schlängeln. Eine Kehre folgte der nächsten, Fahrspaß pur! Im Enzingerboden angekommen – er liegt auf einem Hochplateuau – ging es nach kurzer Pause zurück zum Nagelbauerhof. Wer aber etwas mehr Zeit mitbringt, kann vom Enzingerboden aus mit Hilfe der beiden Gletscherbahnen dem Stausee Tauernmoossee einen Besuch abstatten. Von dort aus eröffnet sich dem Besucher angeblich ein wunderbares Panorama auf das Kitzsteinhorn (3203 m), den Hocheiser (3206 m), den Hohen Kasten (3189 m) und auf das Eiskögele (3426 m).

Für Montag stand die Großglockner-Hochalpenstraße auf dem Programm. Das Wetter war recht passabel und laut Wetterbericht wurde auch kein Regen vorhergesagt. Als erstes ging es nach Bruck an der Großglocknerstraße – hier warten auf den Motorradfahrer 48 mystifizierte Kilometer Hochalpenstraße mit 36 Kehren und einem einmaligen Naturerlebnis.

Die Passstraße wurde bis 1935 in nur 5 Jahren erbaut und in unseren Tagen zum Kulturdenkmal erhoben. Nach historischen Funden am sogenannten Hochtor – dem höchsten Punkt des Passes – konnte man belegen, dass hier schon seit dreieinhalbtausend Jahren Menschen die Alpen überqueren. Besonders gefielen mir immer wieder die vielen kleinen Ausweichen neben der Straße, die es gerade Zweiradfahrern erleichter kurze Stops einzulegen.

In Ferleiten, ein paar Kilometer hinter Bruck, liegt die Mautstelle zur gebührenpflichtigen Hochalpenstraße. 18€ pro Bike – und dem Kurvenspaß steht nichts mehr im Wege. Anfänglich windet sich die Straße in sanften Kurven, doch schon nach kurzer Zeit erreicht man die erste von vier aufeinander folgenden Kehren, die – dank großzügigem Ausbau des gesamten Passes – sehr einfach zu befahren sind. Weniger angenehm dagegen war der enorme Verkehr auf der Hochalpenstraße. Viele Reisebusse quälten sich die 14% bis 18% Steigung den Berg hinauf. Nicht selten musste so manches Reisemonster im Tal der qualmenden und stinkenden Bremsen wegen eine Zwangspause einlegen. Für Gespanne ist die Straße aus Sicherheitsgründen von vornherein gesperrt.

Das zahlenmäßige Verhältnis von Auto- und Motorradfahrern hielt sich eigentlich die Waage. Zeitweise kamen wir leider an besonders exponierten Stellen, wie z.B. der Anfahrt zur Kaiser-Franz-Joseph-Höhe, von wo aus der Pasterzen-Gletscher zu besichtigen ist, nur im Schritttempo voran. Aus diesem Grund ließen wir den geplanten Abstecher zur Kaiser-Franz-Joseph-Höhe ins Wasser fallen und aßen stattdessen – einige hundert Meter unterhalb der Hütte – eine Kleinigkeit zu Mittag. Ganz so frequentiert hatte ich mir die Großglocknerstraße nicht vorgestellt. Den Gedanken auf mehr als zweitausend Metern Seehöhe einsam seine Kurven zu zirkeln, kann man wirklich getrost vergessen.

Ungeachtet dessen hat mich das landschaftlich eindrucksvolle Gebiet mit seiner rauen Gebirgslandschaft und kargen Vegetation, die unendliche Weite über die Berggipfel hinweg und der Ausblick auf etliche Dreitausender der Hohen Tauern wie dem Hohen Tenn (3.368m), dem großen Wiesbachhorn (3.564m), dem Fuscherkarkopf (3.460m) und natürlich dem Großglockner (3.798m) selbst, doch sehr bewegt.

Was aber wäre für einen Biker die Großglocknerstraße ohne die Edelweißspitze? Sie erreicht man über eine Stichstrecke (oberhalb dem Alpine Naturschau-Haus), die zwar kurz, aber fahrerisch höchst anspruchsvoll ist. Steil ansteigend und zudem durchgehend mit Kopfsteinpflaster belegt, führt sie den Motorradfahrer in ein paar enge und teilweise böse nach innen hängende Kehren – bei Gegenverkehr war höchste Aufmerksamkeit und Vorsicht geboten. Oben angekommen, steht man sich am höchsten Aussichtspunkt des gesamten Passes, einer Plattform auf 2.571m Höhe, dem sogenannten „Bikers-Point“ mit einem schier unglaublichen 360° Panoramablick auf mehr als 30(!) Dreitausender. Hier – in luftiger Höhe – nicht wenigstens e i n m a l gewesen zu sein, wäre nicht nur für einen Motorradfahrer einfach unverzeihlich!

Aufgrund der Schneefälle der vergangenen Tagen lag sowohl an den Seitenrändern der Auffahrt zur Edelweißspitze, als auch am Aussichtspunkt selbst, noch einiges an Schnee. Es war schon ein seltsames Gefühl Ende August mit winterlichen Straßenverhältnissen konfrontiert zu werden. Dass die zum Teil frostigen Temperaturen niemanden daran hinderte dem „Bikers-Point“ einen Besuch abzustatten, sah man ohne Zweifel an dem gut belegten Parkplatz der Plattform. Dutzende Motorradfahrer genossen – ebenso wie wir – die traumhafte Aussicht über die Gebirgszüge der Hohen Tauern.

Mein persönliches Fazit zur Großglockner-Hochalpenstraße: Aus fahrerischer Sicht fordert einem die legendäre Passstraße – entgegen den Beschreibungen in vielen einschlägigen Motorradfahrer-Magazinen – NICHT unbedingt das Letzte ab. Trotzdem ist sie schon allein wegen der vielen, abseits der Straße gelegenen Naturkundeeinrichtungen und den bemerkenswerten Ausblicken auf eines der großartigsten Bergmassive des östlichen Alpenraums, in jedem Fall einen Besuch wert!

Mittlerweile war es Dienstag und kein Wölkchen am Himmel, kein Nebel im Tal, angenehme Temperaturen – was wollte man mehr? Bei einer Tasse Kaffee und Marmeladebrötchen zum Frühstück beschlossen wir ein zweites Mal mit dem Auto die Gegend zu erkunden. Wir einigten uns recht schnell auf die Krimmler Wasserfälle. Ab Piesendorf über die B 168 in Richtung Neukirchen am Großvenediger waren es ca. 55km – also nicht allzu weit!

Nach gut einer halben Stunde Fahrt führt die Bundesstraße, an den kleineren Gemeinden Vorder- und Unterkrimml vorbei, nach Krimml hinein. Malerisch schmiegt sich das Dörfchen an den Südhang der Berge und bildet gleichzeitig den Abschluss des Salzachtales im Westen.

Schon von weitem hörte ich das Tosen Europas größter Wasserfälle, die bereits im Jahre 1967 mit dem Europäischen Naturschutzdiplom ausgezeichnet wurden. In mächtigen Kaskaden stürzen die Wassermassen mit einer Fallhöhe von sagenhaften 380m über drei Stufen den Berg hinab. Riesige Sprühnebel zauberten abseits der Fälle leuchtende Regenbögen in zart schimmernden Farben. Hunderte Moose, Flechten und Farne finden in diesem Umfeld ihren Lebensraum. Uns bot sich ein überaus beeindruckendes Naturschauspiel.

Weniger prickelnd fand ich die exorbitante Vermarktung Krimml’s. Teure Parktickets und massig Verkaufsstände zu Beginn des Wasserfallweges, vollgepfropft mit allem erdenklichen Kitsch rund um den Ort und seiner Touristenattraktion, ließen wirklich keine Zweifel aufkommen, dass es sich hier um einen außergewöhnlich großen Besuchermagneten der Hohen Tauern handeln muss.

Über den bestens präparierten Wanderweg erreicht man in einer guten Stunde den am höchst gelegenen Wasserfall an der sogenannten „Schettbrücke“ in 1.460m Seehöhe. Weitere Aussichtskanzeln – verteilt an anderen exponierten Stellen – ermöglichen faszinierende Blicke auf die imposante Kraft des sich herabstürzenden Wassers. Dutzende Fotos später und um manche Erfahrung reicher, ließen wir bei einer gemütlichen Tasse Kaffee in einem Krimmler Gasthaus unsere Erlebnisse etwas nachwirken und besprachen gleichzeitig mögliche Touren für die nächsten Tage.

Etwas später – beim Abendessen – planten wir für den nächsten Tag eine Tagestour in den Zemmgrund, unweit von Mayrhofen gelegen. Über das nachfolgende Zamser Tal und die Schlegeis-Alpenstraße erreicht man den Schlegeis-Stausee, der – wie viele andere Speicherseen im österreichischen Alpenraum – zur Energiegewinnung genutzt wird.

Dafür hieß es zuerst aber wieder knapp 50 km Bundesstraße hinter sich zu bringen. Das Befahren der B168 auf 600cm³ Hubraum stellte sich tatsächlich als eine recht leidige Angelegenheit dar. Bei bisweilen riskanten Überholmanövern ungeduldiger Autofahrer musste man ständig auf der Hut sein, nicht selbst unter die Räder zu geraten. Nach knapp 30 Minuten verließen wir schließlich in Wald im Pinzgau die Schnellstraße, um in den Ort hinein abzuzweigen, der sich in einer gelungenen Mischung aus alt und neu präsentierte.

Ab Ortsende erwartete uns die alte Gerlosstraße. Sie beginnt in Bruck und mündet nach knapp zehn Kilometern – kurz hinter der Pinzgauer Höhe – in die mautpflichtige Gerlospassstraße. Bereits tags zuvor, als wir das nahe gelegene Krimml besuchten, erkundeten wir in Wald den Einstieg in die kleine Straße, die als Ortsunkundiger nicht unbedingt auf Anhieb zu finden ist.

Schon nach den ersten hundert Metern war ich sowohl über die Höhenstraße, als auch über die Aussicht ins Tal fasziniert. Anders als bei der Großglocknerstraße, die leider für den Massentourismus ausgerichtet scheint, fanden wir in der Gerlosspassstraße eine Landstraße der ganz besonderen Art: 17% Steigung und kaum frequentiert, zirkelten wir genussvoll Meter für Meter den Berg hinauf, fuhren voller Spannung in manch unübersichtliche Kurve, nicht ahnend, was uns dahinter erwarten könnte. Es zählte nicht „Speed“, sondern das Abenteuer auf einer nicht zu berechenbaren Straße unterwegs zu sein, wo man zu jeder Zeit und an jedem Ort mit allem erdenklich Unvorhersehbarem konfrontiert werden kann. Immer wieder war die Strecke in manchen Abschnitten kaum zweispurig befahrbar und der Belag ließ an vielen Stellen zu wünschen übrig. Doch waren es nicht gerade diese Unwägbarkeiten, die wir hier – abseits ausgebauter Straßen – zu finden gehofft hatten? Nein, es gab keinen Zweifel – wir waren begeistert!

10km weiter bogen wir kurz hinter der Mautstelle zum Gerlospass in die B165 ein und fuhren weiter in Richtung Gerlos/Ort. Zuvor aber wollten wir einen kurzen Halt am Speicher Durlaßboden einlegen, der am unteren Ende der Passstraße zum Gerlostal hin in 1405m Seehöhe liegt. Eine Weile genossen wir auf dem 83m hohen Erddamm den Blick auf das tiefblaue Wasser, in dem sich malerisch ein paar Wolken am Himmel spiegelten, bevor wir uns wieder auf den Weg machten. Vor uns lagen die restlichen km der Gerlos-Passstraße, die nicht nur landschaftliche Reize, sondern auch aus fahrerischer Sicht einiges zu bieten hatte. Unmittelbar vor Zell am Ziller, wo die Passstraße ihr Ende hat, ließen vier Spitzkehren unser Bikerherz noch einmal gewaltig in die Höhe schnellen – was für eine geniale Alpenstraße!

In Zell zweigten wir links ab auf die B169. Die 8km bis Mayrhofen waren – im Gegensatz zur Gerlosstraße – recht unspektakulär. Mehr zufällig fanden wir kurz hinter Mayrhofen die Auffahrt in den Zemmgrund hinein, einem Seitental des Zillertales. Gleich zu Anfang weist die Straße bereits eine Steigung von 22% auf und ist schon allein deswegen ebenfalls für Gespanne gesperrt. Da vielerorts nur einspurig, ist eine umsichtige Fahrweise durchaus empfehlenswert.

Einige Zeit verläuft das Straße durch eine Schlucht teils überhängenden Felswänden am rauschenden Zemmbach entlang. Die steil aufragenden Berge zu beiden Seiten des kleinen Tals lassen dem Verlauf Strässchen wenig Raum. Mehrere Male durchfährt man an den Berg gebaute Lawinengalerien, die im Winter die Passierbarkeit der Straße sichern müssen.

Eigentlich glaubte ich nicht, dass an diesem Tag unsere bisherigen Erlebnisse noch hätten getoppt werden können, doch spätestens im Alpendorf Ginzling wurden wir eines besseren belehrt. Hier beginnt die 13,3 km lange Schlegeis-Alpenstraße, die einen über acht faszinierende Kehren und durch vier Natursteintunnels an der Mautstelle „Breitlahner“ vorbei führt und an deren Ende der Schlegeis-Stausee in 1.782m Seehöhe liegt.

Ab der Mautstelle wird das einspurige Straßenstück – ebenso wie im Bereich des Harpfnerwand-Tunnels vor Ginzling – per Ampelschaltung geregelt. Kurz vor den letzten 4 Kehren hinauf zum Stausee fiel unser Blick zum ersten Mal auf die imposante 725m lange Staumauer des Speichersees, der etwa 2km² des Schlegeisgrundes bedeckt.

Das Sperrwerk selbst ist als doppeltgekrümmte Bogengewichtsmauer ausgeführt und wird von einem Messsystem mit rund 700 Messstellen überwacht. Das Wasser des Schlegeisspeichers fließt durch einen 7,8 Kilometer langen Triebwasserstollen zum Kraftwerk Roßhag und nach der Stromerzeugung durch einen 8,6 Kilometer langen Stollen weiter zum Stillupspeicher.

Am Speichersee – als eines der bekanntesten Ausflugsziele in den Zillertaler Alpen – war an diesem spät sommerlichen Tag sowohl das Bergrestaurant Schlegeis als auch die Hütte am Zamsereck gut besucht. Im Bereich des Schlegeis-Stausees lädt ein weitverzweigtes Wegenetz zu kurzen und langen Touren ein. So war es nicht verwunderlich, dass wir hauptsächlich auf Wanderer trafen, die bei einer kleinen Brotzeit die alpine Bergwelt rund um den See genießen wollten. Auch wir machten eine kurze Rast und irgendwo berührte einen das Aufeinandertreffen von hochmoderner Technik und unbändiger Natur auf eigentümliche Art und Weise.

Aber nicht lang und es wurde Zeit sich auf den Heimweg zu machen. Von Westen her zogen dunkle Regenwolken am Himmel auf und wir überlegten, ob wir an diesem Tag noch trocken den „Naglbauern“ erreichen würden? Einstweilen war die Rückfahrt hinunter ins Zillertal über die Schlegeis-Alpenstraße das reinste Vergnügen und etwas wehmütig dachte ich dabei an das nahende Ende der Urlaubswoche.

Unterhalb des Gerlospasses besserte sich Gott sei Dank das Wetter zusehends, ein Regenschauer war uns zum Glück erspart geblieben. So entschieden wir kurzerhand den Weg über die neue Gerlospassstraße zu nehmen, auch wenn sie mautpflichtig war. Wohl reizte sie uns nicht mal annähernd so sehr wie die hinter uns liegenden Kilometer in den Zemmgrund hinein, doch bot sich einem vom „Bikers-Point“ aus ein wunderbarer Blick ins Salzachtal und die Krimmler Wasserfälle.

Spät nachmittags erreichten wir zufrieden den Naglbauerhof. Hinter uns lagen insgesamt 220 wirklich erlebnisreiche Kilometer. Beim Abendessen wurde erneut überlegt, welche Pass- bzw. Höhenstraße sich für eine Tagestour noch anbieten würde. In einigermaßen erreichbarer Nähe schien uns das Rauristal ein lohnenswertes Ziel zu sein.

Den Anfang des Rauristals findet man über das Örtchen Taxenbach, ca. 15km östlich von Bruck an der Großglocknerstraße gelegen. In diesem Seitental wurde noch bis vor einigen Jahren von manchen Bauern im Nebenerwerb die Goldwäscherei betrieben, während in der Blütezeit des Goldbergbaus bis zur Mitte des 16.Jahrhunderts im Rauristal rund 2000 Knappen nach dem begehrten „Tauerngold“ schürften.

Heute bietet der Tourismusverein Rauris Urlaubern die Möglichkeit – ausgestattet mit entsprechenden Gerätschaften – an einigen Goldwaschplätzen das „glitzernde Glück“ im Sand der Bäche zu finden. Offenbar ein sehr beliebter Ferienspaß, denn immer wieder sahen wir abseits der Straße – bewaffnet mit Sieben und Schüsseln – Jung und Alt gleichermaßen im Bachbett stehend Nuggets suchen.

Mir erschien das Rauristal ruhiger, urtümlicher und für den Fremdenverkehr nicht so arg aufbereitet, wie so manch andere Region im Pinzgauer Salzachtal. Die Landschaft prägend, verläuft entlang des gesamten Tals die Rauriser Ache. Immer wieder kann man auf den Weiden – friedlich grasend zwischen den Kühen – größere Herden Pinzgauer Kaltblüter entdecken, eine für die hiesige Region typische Pferderasse.

Erst gegen Ende der recht gut zu befahrenden Hauptstraße – ein paar Kilometer hinter Rauris – fängt das Tal bei Bucheben an sich zu verjüngen und verliert einiges an seiner großzügigen Weite. Nach kurzer Zeit erreicht man das Gasthaus Bodenhaus in 1.200m Seehöhe, wo wir später – auf der Rückfahrt – gemütlich eine Tasse Kaffee trinken wollten. Hier – das möchte ich dick unterstreichen – bekam ich den mit Abstand besten Apfelstrudel meines Lebens serviert – hätte mein Urlaub auch nur ein paar Tage länger gedauert, wäre ich allein schon des Strudels wegen mit ziemlicher Sicherheit noch einmal ins Rauristal gefahren.

Unmittelbar hinter dem Gasthaus ist an einer kleinen Mautstelle der Obulus für die sogenannte „Kolm Mautstraße“ zu entrichten, an deren Ende der Parkplatz Lenzanger in 1.500m Seehöhe liegt. Von hier aus führen etliche Wanderwege in das Kolm-Saigurn Gebiet und den sogenannten Rauriser Urwald – einem landschaftlich besonders interessanten Naturschutzgebiet im Nationalpark Hohe Tauern. Am Parkplatz Lenzanger angekommen, kehrten wir allerdings recht zügig wieder um – mit Motorradkombi eine längere Wanderung zu den umliegenden Hütten zu unternehmen, war nicht gerade ein besonders spannender Gedanke.

Witzig fand ich die am Straßenrand montierten „Kuhsperren“ in Form eines unter Strom stehenden Weidezaunpfahls: Zwei dünne, bewegliche Drahtstangen, die man vertikal in Hüfthöhe an jeweils einen Weidepfahl befestigt hatte – sorgten dafür, dass das Weidevieh in seinem Areal gehalten wurde. Mir persönlich war ja diese Vorrichtung anfangs mehr als suspekt, wogegen Gerhard ungerührt mit dem Motorrad hindurch fuhr und mir sofort über Funk versicherte, nicht gestromt worden zu sein – ich war erleichtert!

Am frühen Nachmittag verließen wir das Rauris-Tal und machten uns auf zum 2.941m hohen Hochkönig, einem der herausragendsten Berge im Steinernen Meer. Am besten zweigt man dafür kurz vor Taxenbach nach rechts auf die kleine Höhenstraße nach Embach ab, die u.a. an der Kitzlochklamm vorbeiführt.

Nach ein paar Kilometern überquert man schließlich die Bundesstraße 311. Ab hier führt ein schmales Strässchen durch ein noch schmäleres Tal. Links und rechts ragen die Berge in beachtlicher Höhe gen Himmel. In engen Windungen schlängelt sich die Straße durch das Tal und mehr als einmal machten wir Halt, um die idyllische Gegend ein wenig auf uns wirken zu lassen.

In Höhe der Ortschaft Sonnberg-Dienten fiel unser Blick nach einer lang gezogenen Rechtskurve wie elektrisiert auf eine bezaubernde Kapelle, die wie ein Fingerzeig Gottes, auf einer Anhöhe liegend, erhaben über dem Tal trohnt. Hier musste ich einfach für ein paar Fotos am Straßenrand stehen bleiben.

Nahe Dienten am Hochkönig hielten wir uns auf der Bundesstraße links und bogen in eine weitere Höhenstraße ein. Sie findet im Dientener Sattel auf 1.357m Seehöhe ihren höchsten Punkt und endet kurz vor Mühlbach. An manchen Streckenabschnitten wartete die Alpenstraße mit satten Steigungen von bis zu 18% auf. Nicht nur aus landschaftlicher Sicht war sie ebenfalls – ähnlich der Gerlospassstraße – ein Höhepunkt meines Motorrad-Urlaubs.

Am Ende bogen wir in Mühlbach am Hochkönig ein letztes Mal nach links ab. Nun war es nicht mehr weit bis zum Arthurhaus am Hochkönig in 1.502m Seehöhe. Das Hotel – den Ausdruck „Haus“ möchte ich in diesem Zusammenhang lieber nicht verwenden – ist meiner Meinung nach für ein „Alpenhaus“ leider stark überdimensioniert und auch die Parkplätze, die hinter dem Haus für Wanderer und andere Besucher angelegt worden sind, entsprachen nicht gerade dem, was ich in dieser Abgeschiedenheit erwartet hätte. Allerdings – der gerade gastierende Zirkus, den man gleich unterhalb des Arthurhauses auf einer Plattform platziert hatte, schlug wirklich dem Faß den Boden aus.

Mittlerweile war es später Nachmittag geworden. Um bei der Rückfahrt nach Piesendorf nicht den vollkommen selben Weg wie auf der Hinfahrt zum Hochkönig nehmen zu müssen, entschlossen wir uns zuerst bis Dienten und dann weiter über den Filzensattel Richtung Maria Alm nach Zell am See zu fahren. Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung bis zum Naglbauerhof.

Für Freitag – den letzten ganzen Urlaubstag – hatte der Wetterbericht den schönsten und wärmsten Tag der Woche vorhergesagt. Was würde sich als abschließende Tagestour noch anbieten? Die Qual der Wahl war groß. Ich wäre gerne ein gerne die Großglocknerstraße gefahren, weil das Wetter beim ersten Mal nur mäßige Temperaturen, Restschnee und viele graue Wolken zu bieten hatte. Diesmal – so hoffte ich – würden wir sicher mehr Glück haben!

So ging es am nächsten Morgen zeitig los. Tatsächlich war die neuerliche Fahrt der Hochalpenstraße ein einziger Genuß. Wir besichtigten den Pasterzengletscher unterhalb der Kaiser-Franz-Joseph-Höhe und fuhren – anders als beim ersten Mal – weiter bis Heiligenblut, wo wir – bei bestem Spätsommerwetter in der Sonne sitzend – zu Mittag Spezialitäten der Pinzgauer Küche aßen. Es war mit einem Wort: GRANDIOS! Selbst der Panoramablick von der Edelweißspitze aus, ließ keine Wünsche offen. Während am Montag viele Wolken die meisten der umliegenden Dreitausender eingehüllt hatten, bot sich diesmal nicht nur ein freier Blick auf den Großglockner, den „heiligen Berg“, sondern auch auf dutzende andere Bergtitanen der Hohen Tauern.

Wohlbehalten kehrten wir abends zum Naglbauerhof zurück. Nach dem Abendessen wurde noch alles reisefertig verpackt, um am nächsten Morgen zeitig nach Hause fahren zu können. Die Tage im Salzachtal waren abwechslungsreich und voller Höhepunkte. Auch landschaftlich ein Gebiet, das es lohnt zu bereisen oder auch zu erwandern. Ein Urlaub auf zwei Rädern, an den ich mich immer gern erinnern werde.