Naturpark Bayerischer Wald – Nationalpark

Waldwildnis – grenzenlos!

    Die Wildnis in unseren Herzen ist Sehnsucht. Sehnsucht nach den Lüsten, die nichts kosten, Sehnsucht nach dem Überschaubaren, dem Menschen gemäßen. Nach Zauber und nach Träumen, nach Ahnung statt Wissen, nach Hoffnung statt Versprechen. Deshalb muss Wildnis kein Urwald sein. Wildnis ist überall, wo wir sie zulassen: In Wäldern, in denen der Luchs geduldet wird, oder in einer Gesellschaft, die Wildnis denken lässt. Im Nationalpark finden wir sehr schnell den Weg, nicht "zurück zur Natur", sondern "heim in die Wildnis". Dorthin, wo wir sein dürfen, wie wir sind, leben, lieben, essen, trinken, schlafen, faul und schwach sein, beten, lachen und tanzen. Wild sein und einfach leben. Wildnis ist also der Traum vom Selbst-sein-dürfen statt der Fremdbestimmung. Die Wildnis im heimischen Nationalpark kostet nichts, während wir uns für immer größere Häuser und Autos oder Flugreisen in die angeblich ferne Wildnis nur abrackern und entwürdigen müssen. Wildnis ist also eine Denkweise. Wildnis ist die Lust, den Garten Eden nicht zu mähen, sondern gelassen auf das Paradies zu warten. Wildnis ist Träumen statt Aufräumen, ist das Gespräch mit der Natur über die Natur.
(Hubert Weinzierl – Ehrenvorsitzender des BN-Bayern – zum Thema Nationalpark Bayerischer Wald)

Die Vision einer wilden Natur…… oder „ein Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder“….

Vierzig Jahre ist es her als Naturschützer aus Bayern, Böhmen und Österreich auf dem Dreisesselberg die Vision von einem Nationalpark im Herzen Mitteleuropas hatten. Was 1966 als Traum begann, wurde Jahre später zum Wegweiser und Vorbild für vierzehn deutsche Nationalparks, die mittlerweile mehr als bloße Naturschutzgebiete geworden sind. Am 7. Oktober 1970 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald nach einstimmigem Beschluß des Bayerischen Landtages als 1. deutscher Nationalpark gegründet und seither flächenmäßig immer wieder erweitert. Heute erstreckt er sich über 24.250 Hektar – angefangen von Bayerisch Eisenstein im Landkreis Regen bis hinab in den unteren Bayerischen Wald, den Landkreis Freyung-Grafenau.

Ein Großteil liegt oberhalb 1000 Metern, eingerahmt von den Gipfeln des Großen Falkensteins, des Lusens und des Großen Rachels. Darüber hinaus grenzt der Nationalpark an den 1991 gegründeten 69.030 ha großen Nationalpark Sumava in Tschechien. Beide kooperieren eng miteinander. Zusammen bilden sie das größte, zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas.

Ziel der Nationalparkverwaltung ist es, nicht nur die Natur sich selbst zu überlassen, sondern den Arten- und Biotopschutz zu fördern. Durch dieses in der hiesigen Bevölkerung sehr umstrittene Konzept entwickelte sich in den heimischen Mischwäldern aus Fichten, Buchen und Tannen im Laufe der Zeit eine in vielen Teilen des Nationalparks unberührte, Urwald ähnliche Landschaft.

Mittlerweile findet man im Nationalpark wieder das typische Artenspektrum mitteleuropäischer Bergwälder, wie zum Beispiel Rothirsch, Wildschwein, Dachs, Marder und auch Fischotter. Mehr als fünfzig Waldvogelarten, darunter sehr selten gewordene Arten wie Auerhuhn, Haselhuhn, Schwarz- und Weißrückenspecht, wurden registriert. Langsam kehren auch ehemals im Bayerischen Wald beheimatete Tiere wie Luchs, Wanderfalke und Schwarzstorch in ihre angestammten Lebensbereiche zurück.

Klare und saubere Bäche bieten nun Lebensräume für bedrohte Arten wie Bachforelle, Mühlkoppe oder z.B. auch die Flussperlmuschel. In vielen Aufichtenwäldern breiten sich Teppiche von Torfmoosen aus. Die toten Zellen dieser Moose bilden den Torf der Hochmoore und können über große Poren das 20 – 40zig-fache ihres Gewichts an Wasser aufnehmen. Hier wird nicht nur für das unmittelbare Umfeld lebensnotwendige Feuchtigkeit gespeichert.

Hauptsächlich zwischen Rachel und Lusen, besteht der Baumbestand in den höheren Lagen allerdings nur aus Fichten – eine reine, von Menschenhand angelegte Monokultur! Mitte der 80er Jahre verursachten immer wieder starke Stürme in den Wäldern enorme Windbruchschäden, infolgedessen die so geschwächten Bäume dem gefürchteten Borkenkäfer idealste Lebensbedingungen boten. Das Resultat war eine schlagartig erhöhte Population des Schädlings – das Waldsterben begann und war bald landauf landab vielen ein Begriff! Leider starben aufgrund des Käferbefalls nicht nur die geschwächten Bäume, sondern auch viele bis dahin kerngesunde Fichten. Nicht nur die am Nationalpark ansässigen Waldbauern fürchteten und fürchten heute noch um ihre eigenen, wirtschaftlich genutzten Baumbestände, die, einmal befallen vom Borkenkäfer, um ein vielfaches an Wert verlieren.

Das Konzept der Nationalparkverwaltung „Natur Natur sein lassen“ scheint – allen Unkenrufen zum Trotz – auf zu gehen. Seit einiger Zeit gehen die Borkenkäferzahlen kontinuierlich zurück. Im Verhau der zusammengebrochenen Fichten wächst geschützt eine neue Generation aus Fichten, Ebereschen, Buchen und Birken heran – es etabliert sich ein neuer Jungwald. Das Totholz liefert außerdem wertvolle Nährstoffe für die kleinen Sämlinge. So findet man heute schon in den unteren Höhenlagen hunderte kräftiger Bäumchen, weiter oben jedoch wird sich die Waldverjüngung aufgrund der schlechteren Lebensbedingungen sicher noch einige Jahre in die Länge ziehen. Ganz ohne Zweifel – es hat sich ausgezahlt vor Jahrzehnten wenigstens in einem kleinen, dafür prädestinierten Teil des Bayerischen Waldes „Mut zur Wildnis“ zu zeigen. Urwüchsige Natur – so wie sie heute im Nationalpark zu finden ist – bedarf nicht unserer Fürsorge und schon gar nicht unserer Pflege.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz schrieb einmal zum selben Thema u.a.:
    „Was uns in dieser Zeit Anlaß zur Hoffnung geben kann, das ist in der Tat die wunderbare Selbstbehauptung der Natur. Lassen wir sie darin gewähren, zumindest hier und da die Landschaft hervorzubringen, die ihr entspricht: die Naturlandschaft. Man kann sie auch Wildnis nennen. Wildnis: die kann sich auf freiem Feld zeigen und in der Stadt. Kleine Wildnisse, die könnten eine Antwort sein auf die Anmutungen gewaltsamer Landschaftsgeometrie. Und welche Wirkungen selbst begrenzte Wildnis auf den Menschen hat, das hat offener Sinn überall registriert: wir staunen und beunruhigen uns, wir sind begeistert und erschauern, wir empfinden Sehnsucht und ein rätselhaftes Gefühl von Dauer…“

Auch in diesem Sinne soll und – ganz besonders – muss man für das Konzept des Nationalparks kämpfen, auf dass der Wunsch des damals amtierenden Staatsministers für Landwirtschaft und Forsten, Dr. Hans Eisenmann, aus dem Jahre 1983 „Einen Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder zu schaffen“, nicht nur Realität geworden ist, sondern vor allen Dingen dauerhaft fortgeführt wird.

Wirklich empfehlenswerte Literatur zum Thema Nationalpark Bayerischer Wald:

Wälder, Weite Wildnis, Nationalpark Bayerischer Wald – Narodni Park Sumava (erschienen im Buch & Kunstverlag Oberpfalz)

oder

Waldwildnis Grenzenlos – Nationalpark Bayerischer Wald (erschienen im Buch & Kunstverlag Oberpfalz)

Bayerischer Wald – Wo Wildnis erwacht von Sven Zellner (erschienen im Tecklenborg Verlag)

15. Oktober 2006